Andreas Otter
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Cover: Stadt der tausend Könige

Historischer Roman

Stadt der tausend Könige

»Ich werde meine Schwester befreien, und wenn ich bis ans Ende der Welt reisen muss.«

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Klappentext

Schwaben, Ende des 11. Jahrhunderts. Die junge Githeld wird fälschlicherweise der Unzucht mit einem Geistlichen angeklagt und fällt in die Hände des Klerus. Um sie zu befreien, geht ihr Bruder Richard mit dem Bischof von Augsburg einen fatalen Ablasshandel ein: Er soll am Heiligen Krieg teilnehmen, um Jerusalem aus den Händen der Heiden zu befreien.

Was als Akt der Liebe für die Schwester beginnt, wird zur Reise an die Grenzen der bekannten Welt. Mit seiner schwangeren Gefährtin zieht Richard durch Konstantinopel, Antiochia und die syrische Wüste, bis er endlich vor den Mauern Jerusalems steht. In der heiligen Stadt entdeckt er geheimnisvolle Evangelien, die alles in Frage stellen, was er bisher geglaubt hat.

Doch der Krieg lässt die dunkelsten Seiten der Menschen hervortreten. Als er einen Ort betritt, den man Stadt der tausend Könige nennt, begegnet er neben fremden Kulturen vor allem einer Wahrheit, die er nie wieder vergessen wird.

Eine epische Reise durch das Hochmittelalter: Pilgerfahrt, Kreuzzug und Selbstfindung in einem.

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Prolog

Das Gasthaus

Die schallende Ohrfeige in Richards Gesicht war so heftig, dass der Junge zu Boden stürzte und dort für einige Augenblicke verwirrt liegen blieb. Mit Tränen in den Augen stand er schließlich auf und sah seinem Peiniger ins Gesicht. Wilde Gedanken blitzten durch seinen Kopf – der nächste Schlag könnte noch härter treffen, und wenn er sich zu wehren versuchte, fühlte sich sein Onkel herausgefordert, ihn so lange zu prügeln, bis er winselnd am Boden lag. Er hoffte so sehr, seine Schwester Githeld würde den Stall betreten und ihm zur Hilfe kommen.

»Du Sohn einer Hündin, du Taugenichts! Warum nur hat dich unser Herrgott mit derart viel Dummheit bestraft?«

Richard hörte sich den Wortschwall mit etwas Freude an, denn er erwartete nun keine Ohrfeige mehr. Wenn Gairond einmal mit ihm sprach, pflegte er ihn gewöhnlich nicht mehr zu schlagen.

Aufgrund dessen erleichtert schlich Richard an Gairond vorbei und hob die schmutzige Holzschüssel auf, die er noch vor Kurzem fallen gelassen hatte. An dessen Rand und am danebenliegenden Stroh klebte noch die schon etwas säuerliche Milch. Ein kurzer Blick zu den zwei Ziegen erfüllte keine seiner kurzzeitigen Hoffnungen: Ihre Euter waren leer, und die wenige Milch, die sie gegeben hatten, sickerte in diesem Moment durch die dünne Strohschicht in die feuchte Erde.

»Du Missgeburt! Sieh zu, dass du Milch besorgst, ich habe schließlich nicht den ganzen Tag gearbeitet, um nun wie ein Hund Wasser zu saufen!«

Richard antwortete nicht, sondern schnappte sich die Schüssel und lief davon.

Er musste nicht allzu weit laufen, und er ging auch nicht zum ersten Mal spät abends durch das kleine Dorf, um etwas zu erbitten. Zumeist führte ihn sein Weg zum Schmied, dessen Haus und Werkstatt schräg gegenüber auf der anderen Seite des matschigen Weges standen. Inständig hoffte Richard, dessen Frau anzutreffen. Zwar hatte ihm der Schmied noch nie etwas getan, doch die wenige Zuneigung, an die er sich erinnern konnte und nicht von Githeld kam, erhielt er von dieser Frau, wenn sie ihn anlächelte oder nur kurz von Weitem grüßte.

Mit klopfendem Herzen stand er vor der Türe und wagte erst nicht einzutreten, pochte aber dann dagegen.

»Richard!«

Er war froh, dass es die Frau des Schmieds war, die ihn begrüßte. Ihr blondes, langes Haar hing fettig und ungeordnet über ihre Schultern und gab preis, dass es schon seit Langem nicht mehr gewaschen worden war. Ihre blitzenden Augen wirkten zwar jung, doch Richard wusste, dass sie ihr mittleres Alter längst überschritten hatte. Tiefe Furchen im Gesicht zeugten von harter Arbeit und vielen Sorgen.

Vorwurfsvoll sah sie auf die Holzschüssel, die er an seinen Körper presste. »Milch?«

Richard nickte nur. Nachdem sich die Frau mit seiner Schüssel von ihm wandte und in den Stall ging, erhaschte er einen kurzen Blick ins Innere. Bruni und die schöne Kauna, die Töchter des Schmieds, saßen am spärlich gedeckten Tisch und warteten. Vom Schmied selbst sah er nichts, aber er vermutete, dass dieser noch in der Werkstatt zu arbeiten hatte.

Herrlicher Geruch von gebratenem Speck, heißen Rosinen und Saubohnen stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn an seinen unbändigen Hunger und an die Hoffnung, Gairond hätte sich beruhigt und würde ihn an der Abendspeise teilnehmen lassen. Wie gerne hätte er heute Abend in diesem Haus gegessen, nicht nur des Geruchs wegen, der seine Sinne betörte. Es war wohlig warm in der Stube, und er hatte die Frau noch niemals Bruni oder Kauna prügeln sehen. Er nahm an, dass sie dies sicherlich tat, denn er kannte es nicht anders. Jeder Erwachsene schlug sein Kind, wenn es etwas falsch oder kaputt machte, denn dies gehörte zum Alltag wie das Atmen, Essen und Arbeiten.

Verstohlen sah er zur schönen Kauna. Ihre braunen Augen und eher seltenen dunkelroten Haare verzückten ihn. Jetzt, beim Essen, sah man ihre Narbe über der Oberlippe kaum, doch wenn sie lächelte, was sie in letzter Zeit öfter tat, wenn sie ihn sah, kam die Narbe voll zur Geltung. Ihn hatte sie nie gestört.

Schließlich riss ihn die Frau des Schmieds aus seinen Gedanken. »Halb voll, mehr kann ich nicht entbehren! Man muss schließlich selbst sehen, wo man bleibt.«

Richard dankte ihr mit einem Knicks und lief davon.

Fröstelnd schwang die Frau ihren Umhang aus Schaffell um die Schultern und sah dem Jungen noch einige Augenblicke nach, ehe sie ein letztes Mal in die Richtung der anderen Häuser und zur Straße blickte, um sich zu vergewissern, dass niemand um ihren Grund herumschlich. Man konnte schließlich nie wissen, wer aus dem Schlund der Hölle entlassen wurde und ausgerechnet auf ihr Dorf traf. Es war zwar arm und unbedeutend, aber wies dennoch einige Schafe, Ziegen und Pferde auf, die es immer wert waren, gestohlen zu werden.

Als Richard die gewohnte Stube betrat, sah er in ein nicht zu deutendes Gesicht seines Onkels. Githeld, seine ältere Schwester, saß daneben und hielt die Luft an. Er spürte, dass sie erleichtert war, ihn mit einer gefüllten Milchschüssel anzutreffen. Auf dem Tisch stand etwas Schinken, zwar viel zu wenig, um alle drei zu sättigen, doch immerhin, sowie Brot und Käse. Bei diesem Anblick meldete sich Richards Magen noch ungestümer als an des Schmieds Türe.

Gairond sah den Jungen an, entdeckte die Milch und zog die Augenbrauen nach oben. »Komm, du musst essen! Mit leerem Magen kann man kein Feld bestellen.«

Richard stürzte sich so sehr über das Abendessen, als wenn er Angst davor hätte, Gairond würde seine spontane Nachgiebigkeit bereuen und den Jungen wie einen Köter vom Tisch jagen.

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Taschenbuch

ab 19,99 €

Zum Anfassen, Verschenken, Verleihen. 660 Seiten. ISBN 978-3-7431-8184-7.

Besprochen und bewertet auf Goodreads, ReadO.

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