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Fantasy · Band 2 · Shannon Witch
Morgaines Erbe
»Je tiefer er eindringt, desto gefährlicher wird sein Vorhaben.«
Klappentext
Getrieben von der Wahrheit über seine große Liebe Madeleine, stürzt sich Robert in die dunkle, faszinierende Welt ihres Hexenclans.
Was als Reise der Erkenntnis beginnt, wird zu einem Albtraum: Misstrauen, uralte Fehden und ein drohender Verrat werfen lange Schatten. In den Reihen der Hexen brodelt es, denn nicht alle heißen einen Außenstehenden willkommen.
Schon bald stehen Madeleine und Robert nicht nur vor dem Abgrund ihrer Liebe, sondern im Zentrum eines Kampfes um das Überleben einer ganzen Blutlinie.
Kapitel 1
Der Schild Mulligan
Cedric Adairs graues Haar hing wirr in sein Gesicht. Als er es zu realisieren schien, wischte er die fettige Strähne zur Seite.
»Du hast dich also wirklich entschlossen, zurückzukehren.«
Ich war überrascht, dass er meine Entscheidung angezweifelt hatte. »Wie du siehst: ja.«
»Mir gefällt nur nicht der Grund.«
»Weil er in deinen Augen ein Kurzfristiger sein könnte?« Er spielte auf meine Beziehung mit Madeline Mulligan an. Die Mulligans schienen ihm seit jeher eigenartig. Wenn er doch nur wüsste, dass seine Vorahnung nicht einmal ansatzweise an die Realität heranreicht. Für kurze Zeit malte ich mir aus, wie er nun reagieren würde, erzählte ich ihm, dass es sich bei den Mulligans um Hexen handelte. Nicht um einige Kräuterfrauen, die man einfach als solche bezeichnete, sondern um leibhaftige, richtige Hexen. Es gab sicherlich auch in Limerick psychiatrische Kliniken, in die er mich sofort einweisen würde.
»Nein, weniger das. Du verzichtest auf eine der bestmöglichen Behandlungen in einem modernen Krankenhaus. Ich schätze Irland in allem sehr, aber ich glaube wirklich, dass eine Therapie in einer Stadt wie Montreal weitaus bessere Ergebnisse bringt.«
»Cedric, ich bin austherapiert. Schluss, Ende. Es gibt für mich nur noch die alternative Methode.« Ich sagte es ihm nun zum dritten Mal. Offenbar wollte er das Ergebnis meiner aktuellen Untersuchung nicht akzeptieren. Allerdings konnte ihn sehr gut verstehen, schließlich war es mir ähnlich ergangen. »Und ich sage es dir, weil ich mit offenen Karten spielen möchte.«
Er raufte sein Haar, sah zu Boden und schüttelte den Kopf. »Ich habe jeden Tag so sehr gehofft, du würdest mit besseren Nachrichten zurückkommen. Welcher alternativen Behandlung gehst du nach?«
»Eine, die mir Kate Mulligan vorschlägt.«
»Kräuter essen und Lieder singen?«
»Cedric! Das ist kein Walldorfkindergarten. Und es gibt keine andere Möglichkeit. Wie oft muss ich das wiederholen? Palliative Maßnahmen kommen nicht infrage.« Keinesfalls konnte ich ihm erzählen, dass ich die reinigende Zeremonie am Saghaleirrach hinter mir hatte und nun darauf wartete, dass mein Körper heilte. Von der Leukämie im Endstadium, offiziell austherapiert.
»Okay. Das heißt, ich habe meinen Enkelsohn vielleicht noch einige Wochen und kann …«
»Schon jetzt ein Grab suchen?«, vervollständigte ich.
»Nein, so meinte ich das nicht.«
»Hab Vertrauen, Großvater. Ich habe es zu einhundert Prozent.«
Er nickte, kam auf mich zu und nahm mich in den Arm. Es rührte mich, gleichzeitig wurde mir warm ums Herz. Also drückte ich ihn fest an mich.
»Ich danke dir, dass du zurückgekommen bist«, flüsterte er.
»Und ich danke dir, dass ich hier wohnen darf. Großvater, ich gehe fest davon aus, dass es nicht nur für einige Wochen ist. Sondern für immer.«
»Damit würdest du mich zum glücklichsten Menschen der Welt machen. Gleichzeitig hoffe ich, dass es für Elsa nicht so schwer ist.«
Meine Mutter hatte meine Entscheidung nur schwer akzeptieren können, auch wenn sie mir dies zu verheimlichen versucht hatte. Doch ihr Blick hatte Bände gesprochen, und deren Hände hatten gezittert.
»Ich bin keine elf mehr, Großvater.«
»Die Liebe zu deinem Kind ist nicht altersabhängig. Nur die Sorgen verändern sich.« Er blickte kurz zu Boden und dann aus dem Fenster. Die Sonne schien, tausende grüner Blätter der vielen Bäume leuchteten im hellen Licht. Seit meiner Ankunft in Irland liebte ich diese Natur.
»Du wirst vermutlich mehr bei Madeleine schlafen als hier«, riet er.
»So oft es geht, ja. Sie hat ja eine eigene Wohnung.«
»Ich bin mir sicher, dass du der erste des Dorfes bist, der je deren Grundstück betreten hat. Kein Wunder, dass sich Geschichten über die Mulligans anhäufen. Wie ist es eigentlich bei denen?«
»Ganz normal. Wie sollte es denn aussehen?« Wenn er doch nur wüsste, welche außergewöhnliche Kraft die Einrichtung der Häuser ausstrahlte, wie viele mystische Elemente es in den Räumen gab. So schwer es werden würde, immer tiefer in Madeleines Welt einzutauchen, so schwer wurde es auch, sich nicht vor Cedric zu verplappern.
»Modern? Traditionell?«
»Beides. Sie haben einen sehr guten Geschmack.«
»Und Kates alternative Methoden?«
»Kräuter, sie arbeiten aber auch mit Kraftfeldern.« Ich musste Cedric irgendetwas geben, an das er sich festhalten konnte. Falls ich wirklich genas, sollte es nicht wie ein Wunder völlig ohne Hintergrund aussehen. Das Thema ›Kraftfelder‹ war sehr breit und es gab immer wieder Erfolge darin zu verzeichnen. Zudem musste ich nicht lügen, denn der Saghaleirrach, der aus acht Steinen bestehende Kreis inmitten der Wälder des Shannon, beherbergte wohl das einzigartigste Kraftfeld überhaupt. Kurz musste ich daran denken, wie ich mich auf dem Weg dorthin hatte übergeben müssen, weil dieser Ort für gewöhnliche Menschen nicht aufzufinden war und dadurch geschützt wurde, menschlichen Eindringlingen den Orientierungssinn zu nehmen. Und extreme Übelkeit zu verursachen.
»Aha.«
Ich konnte seine Skepsis verstehen, denn vor etwas mehr als einen Monat hätte ich jeden für verrückt erklärt, der Vertrauen in Themen dieser Richtung hatte. Ich war einst einer der meist analytisch denkenden Menschen dieser Erde gewesen, nun war ich Freund einer Hexe und ließ mir aufzeigen, dass die Welt nicht die war, die ich immer für selbstverständlich gehalten hatte.
»Kraftfelder.«
»Ja, Großvater. Ich habe schon eine Sitzung gemacht und ich fühle mich bereits besser.«
Er schüttelte den Kopf und sah mich an. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das Einzige, das ich mir wünsche, ist deine Genesung. Und wenn ich dafür in eines der Pfaffenhäuser gehen müsste, um jeden Tag zu beten.«
Cedric hasste die Kirche, und von mir aus musste er keinesfalls seine Überzeugungen ändern.
»Es wird alles gut werden, Großvater. Hab etwas Geduld.«
»Bleibt mir ja nichts übrig.«
Wir recht er doch hatte. Das galt auch für mich. Warten darauf, dass die unsäglichen Schmerzen zurückgingen, die Müdigkeit, dass mein Körper endlich die Überhand gewann gegen den schier übermächtigen Gegner Leukämie.
Doch ich verlor meine düsteren Gedanken, denn ich dachte an Madeleine. An ihre Augen, ihre Hände, ihre Stimme. Sie allein war Medizin für mich, unendlich gut, schön, wohltuend und magisch.
Ich konnte nicht atmen. Als drückte eine unsichtbare Hand meinen Hals zu, röchelte ich und schlug um mich. Etwas hielt mich fest, allerdings erkannte ich niemanden, der neben mir wäre.
»Robert!«
Hilf mir!, dachte ich nur. Warum konnte ich plötzlich nichts mehr sagen? Mein Mund war wie zugeklebt, ich spürte weder Zunge noch Lippen.
»Robert!«
Die Hand wurde dringlicher, schließlich tätschelte sie mein Gesicht.
Erschrocken schlug ich die Augen auf. Niemanden hätte ich lieber gesehen als Madeleine, meine große Liebe, die schönste und faszinierendste Frau, der ich jemals begegnet bin.
Ich hatte wieder vom Krieg geträumt. Von meinem Einsatz in Afghanistan, von der verheerenden Explosion, von den Stunden voller Schmerz und Bangen im verschütteten Keller eines Hauses in der Nähe Kandahars. Doch diese Gedanken wurden sofort von einer weitaus größeren Angst verdrängt.
Hatte die Zeremonie gewirkt?
Rasend schnell wanderten meine Gedanken zurück zum Saghaleirrach. Zu der geheiminsvollen Stelle inmitten tiefsten Urwaldes der riesigen Shannonauen, dorthin, wo der Zutritt gewöhnlichen Menschen nicht erlaubt war. Zu den acht hohen Steinen, kreisförmig angebracht und seit Jahrtausenden geheimste Ritusstätte der Magie. Nie wieder würde ich das Gefühl vergessen, das mich dort auf dem Boden liegend übermannt hatte. Es war so unendlich warm gewesen, voller Liebe, voller Kraft und Vertrauen. Ich war mir wie in einem Mutterleib vorgekommen, die Augenblicke des Erwachens, der Rückkehr in die Realität waren zu grausam gewesen.
»Du musst Geduld haben«, flüsterte Madeleine und strich über mein Haar.
Noch immer verwirrt von meinem Traum setzte ich mich auf. »Das habe ich. Es ist nur so, dass ich ständig daran denken muss.«
»Selbst die stärksten Kräfte unserer Mutter benötigen Zeit, um zu wirken.«
Ich nickte nur und versuchte, etwas in mir zu spüren. Etwas, das mir wenigstens etwas Aufschluss über die Vorgänge in meinem Körper geben konnte. Einem Körper, der aufgrund einer Leukämie im Endstadium nur noch irgendwie funktionierte. Doch da waren keine Schmerzen, ebenso keine Hitzewallungen. Das musste nichts bedeuten, es konnte auch die Ruhe vor dem Sturm sein.
»Nächste Woche solltest du dich untersuchen lassen«, sagte Madeleine. »Manchmal geht es recht schnell.«
Auch in den kommenden Tagen blieben die fehlenden Bilder an der Wand in Madeleines Wohnung frei, die vielen Symbole und Zeichen auf Skulpturen hingegen Boten einer für mich fernen Welt. Madeleine an meiner Seite kam mir vor wie ein Traum, dessen süßer Inhalt mich in jedem einzelnen Augenblick verzauberte und so viel Glück verursachte, dass ich manchmal dachte, keine Luft mehr zu bekommen.
Madeleine gewährte mir nur langsam Zugang in ihre Welt. Deutlich spürte ich ihre Zurückhaltung, die vermutlich darin begründet war, mich nicht zu überfordern. Weder konfrontierte sie mich mit Geheimnissen ihrer Welt, noch gab sie mir Grund, danach fragen zu müssen, weil sie mir Pentagramme oder Schlangenräder wortlos unterschob, aber ich wurde langsam Zeuge täglicher Rituale und traditioneller Bräuche, die sie immer wieder subtil in ihren Alltag einfließen ließ, ohne sie konkret zu betonen, außer ich fragte danach.
Zu einem der wichtigsten Rituale gehörte, dass Madeleine zu Beginn der Abenddämmerung sowie am frühen Morgen, wenn die Sonne aufging, kurz in sich ging und etwas Unverständliches auf Gälisch oder sogar einer anderen Sprache murmelte. Zunächst ging ich davon aus, dass sie eine Art Gebet an ihre Götter richtete. Sie tat es leise, aber dennoch nicht versteckt. Von mir aus hätte sie es auch deutlicher tun können, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie etwas tat, was mich erschrecken könnte.
An einem warmen Abend fragte ich sie nach dem Sinn ihrer Worte. Sofort setzte sie sich neben mich und sah mir tief in die Augen.
»Wir begrüßen täglich die Götter der Gestirne und ihrer großen Erdenmutter. Wenn das Licht der Sonne die Erde berührt, gedenken wir besonders Braid, der obersten Göttin und der Herrin der Sterne, der Erde, des Lichts sowie der Dunkelheit. Sie ist die dreifache Mutter, die Tochter der großen Erdenmutter und Schwester eines jeden Geschöpfes. Imbolc, der erste Februar, ist der Tag, der nur ihr geweiht ist und an dem wir das lebensspendende Licht begrüßen. Wir zelebrieren dies an jedem Morgen, und abends, wenn der Tag der Dunkelheit weicht, kehrt die Erde in den schattigen Schoß der Mutter zurück. Es ist ein Kreislauf, der seit Anbeginn der Dinge seinen Sinn hinterlässt, doch die meisten Menschen haben diesen Sinn verloren. Robert, ich spüre Braids tägliche Kraft, ihre Freude und ihren Lebensmut in unseren Adern, sie möchte uns Freude schenken und ist glücklich, wenn wir eben diese Freude empfinden und den Sinn von Allem erkennen.«
Auch wenn ich nicht alles verstand, versuchte ich nachzuvollziehen, wie sehr sie mit den Gestirnen, der Natur und allem Leben auf der Erde verbunden war. Wenn überhaupt würde ich nur einen Bruchteil davon verstehen können. Madeleine nannte mir noch einige der Göttinnen, ich konnte sie mir allerdings kaum merken, weil Madeleine allein einen so gewaltigen Eindruck auf mich hinterließ, dass ich weder an etwas anderes denken noch etwas anderes sehen konnte als ihre Augen, deren Grund wie der hellste Sternenhimmel leuchteten.
Ab und zu rutschte ihr ein Wort aus, das ich nicht verstand, und als ich sie auch danach fragte, eröffnete sich mir wieder ein Teil aus entferntester Zeit. Die Sprache in ihrem Clan war kein klassisches Gälisch, sondern ein sehr alter Dialekt davon und wurde ceilacáint genannt. Madeleine versicherte mir, dass vermutlich niemand mehr außer sie selbst diese Form des Altgälischen sprachen und ihr Ursprung vermutlich mindestens so alt war wie der der ersten Druiden dieses Landes in frühester keltischer Zeit. Ich war zutiefst erstaunt darüber, weil ich nun annahm, auf eine offiziell verloren geglaubte Sprache gestoßen zu sein.
An diesem Abend fiel mir auf, dass sie den Standort der Kerzen einige Male änderte, die großen Stein- und Holzständer dieser Kerzen aber immer in der gleichen Anzahl waren. Ich glaubte nicht an einen Zufall und fragte sie danach.
»Es sind immer neunzehn, Robert. Natürlich gibt es Abende, an denen ich auch fünfzig oder mehr entzünde, aber die alten Kerzenhalter sind tatsächlich immer neunzehn Mal vertreten.«
Wie immer kam sie zu mir, wenn sie mir etwas offenbarte, und sah mich dabei ernsthaft an. Es war jedes Mal eine Ehre, ihr zuzuhören und in die Tiefen ihrer mystischen Welt einzutauchen.
»In uralten Zeiten zu Beginn der Besiedlung Irlands gab es neunzehn Hohepriesterinnen unseres Geschlechts, die heilige Stätten wie Steinkreise, Quellen, Seen oder geweihte Gewässer hüteten und ihre Macht aus diesen Orten zogen, um sie zu schützen und ihre Reinheit zu bewahren. Sie waren die höchsten Hüterinnen und standen den Göttern und dem Licht so nahe wie niemand sonst. Durch ihre Macht verwahrten sie auch das Geheimnis des Lichts und der Dunkelheit, der Magie und den Kräften des ewigen Schattens. Doch der Kreis der Frauen verlor an Rückhalt, weil sich die Gemeinschaften auflösten und in den Bann der Zivilisation gerieten. Somit sahen sich die Hohepriesterinnen Strömungen ausgesetzt, die das empfindliche Gleichgewicht der Harmonie störten. In den folgenden Jahrhunderten sank auch die Anzahl dieser Frauen, bis die letzte von ihnen, Morgaine, die wichtigste Stätte voller Magie und weißer Kraft in tiefer Trauer verließ, um eine neue Ära hervorzurufen. Sie wurde jedoch verraten, und um ihre Schwestern zu schützen, leistete sie einen Eid, weder jemals eine der Namen ihrer Schwestern zu erwähnen noch die heiligen Stätten der Kräfte zu offenbaren, um sie für alle Zeiten zu bewahren und sie vor den Augen der Menschen zu verstecken.«
Es klang so fantastisch, dass ich lange Zeit kein Wort sagen konnte. Ich erinnerte mich an die Tatsache, dass es gewöhnlichen Menschen nicht möglich war, die tief versteckten Areale der Steinkreise zu finden.
»Sind deshalb die Steinkreise oder anderen heiligen Stätten für die Menschheit unzugänglich? Verwirren uns die Sinne deshalb, weil sie Morgaine mit einem magischen Bann belegt hat?«
»So behauptet es zumindest die Sage. Es ist aber kein Bann, sondern ein Schutzzauber. Nur wir kennen die Stätten der alten Neunzehn, und sie haben weder an Kraft verloren, noch sind sie zerstört oder vergessen worden. Sie existieren noch wie vor Tausenden Jahren, es ist unser Hort der Kraft, der Magie und des Lebens.«
»Und mit der Anzahl an Kerzen gedenkt ihr der Neunzehn?«
»Nicht nur in meiner Wohnung, Robert. Die Zahl neunzehn wird dir noch öfter auffallen, wenn du die Augen öffnest und dir den Kontext unserer Familie ansiehst.«
»Du meinst, sie sind mehr in eurer Welt verankert als mir bisher aufgefallen war?«
»Genau das. Ich bin mir sicher, du wirst es auch außerhalb unseres Umfeldes entdecken.«
»Außerhalb?«
»Ja. Selbst in der Natur. Natürlich auf die Umgebung des Shannon bezogen.«

