Bruchland · Bonustext · Am Ende der Handlung
Die alten Bücher
Diese Szene ist nicht im Buch, denn sie passte nicht hinein. Zu direkt und zu nah an dem, was gerade geschieht.
Jürgen Bauer kam an diesem Morgen früher als gewöhnlich. Er stand noch lang vor dem Schulgebäude und genoss die Ruhe, den Wind an seiner Haut und die Tatsache, dass er noch keine Fragen beantworten musste.
Einige Minuten später stellte er seine Tasche auf den Schreibtisch im Lehrerzimmer, hängte seine Jacke über die Stuhllehne und ging zum Fenster, wo er über den Schulhof sah, über die Fahrradständer und die Kastanien, die in diesem Jahr früher als sonst ihre Blätter verloren.
Achtundzwanzig Jahre unterrichtete er nun an dieser Schule, davon fünfundzwanzig als Geschichtslehrer und drei zusätzlich als Klassenleiter. Er hatte unzählige Schüler kommen und gehen sehen, hatte Lehrpläne geändert und Schulreformen überlebt, hatte das Zentralabitur eingeführt, die Inklusion und die Digitalisierung und alles andere, was sich das Ministerium im Laufe der Jahrzehnte hatte einfallen lassen. Er hatte gelernt, dass Lehrpläne kommen und gehen, dass Bildungspolitik Moden ebenso folgt wie die Bekleidungsindustrie, und dass ein guter Lehrer sich davon nicht aus der Ruhe bringen lässt. Aber das, was seit den Sommerferien auf seinem Schreibtisch lag, war keine Mode. Es war etwas völlig anderes.
In seinem Fach lagen die neuen Unterrichtsrichtlinien. Es war ein Ringordner, der doppelt so dick war wie sein Vorgänger, mit dem Briefkopf des Bundesministeriums für Bildung und Nationale Erziehung, wie es seit April hieß. Nationale Erziehung. Er hatte ihn am letzten Ferientag erhalten, zusammen mit einem Begleitschreiben, das höflich, aber unmissverständlich formuliert war. Die neuen Richtlinien seien verbindlich, Abweichungen seien dem Schulleiter zu melden. Bei Unsicherheiten stehe eine telefonische Beratungsstelle zur Verfügung. Jürgen hatte den Ordner an einem Abend zu Hause durchgelesen, während seine Frau Margret ferngesehen hatte, und er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen.
Es war nicht unbedingt das, was in den Richtlinien stand. Es war das, was nicht mehr darinstand.
Das Lehrerzimmer füllte sich gegen Viertel vor acht. Aufmerksam beobachtete Jürgen seine Kollegen, wie er es in den letzten Wochen seit den Sommerferien immer öfter tat, mit einer Aufmerksamkeit, die ihm selbst unangenehm war. Es kam ihm vor, als hätte er selbst etwas Lauerndes an sich, etwas Misstrauisches, das nicht zu ihm passte. Frau Kessler, die Biologielehrerin, lachte über irgendetwas, das jemand auf seinem Handy zeigte. Herr Wendt, der Sportlehrer, füllte seine Thermoskanne am Wasserhahn. Alles war, wie es immer gewesen war, und gleichzeitig hatte sich so viel verändert.
Neben der Kaffeemaschine stand eine Kiste aus grauer Pappe, die jemand mit einem Klebezettel versehen hatte: »Alte Lehrwerke zur Entsorgung.« Jürgen kannte die Bücher, die darin lagen. Es waren Geschichtsbücher, Klasse neun und zehn, dieselbe Ausgabe, aus der er seit Jahren unterrichtete, die Kapitel über den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegsordnung, die Nürnberger Prozesse, den Marshallplan, die Teilung Deutschlands. Er hatte mit diesen Büchern gearbeitet, hatte Seiten markiert und Randnotizen geschrieben und Arbeitsblätter daraus entwickelt. Nun standen sie in einer Kiste neben der Kaffeemaschine und warteten darauf, in den Container gebracht zu werden.
Offiziell war es eine ganz normale Aktualisierung. Die neuen Lehrwerke waren bestellt, würden in einigen Wochen eintreffen, und bis dahin sollte aus den Richtlinien unterrichtet werden. Er hatte sich gefragt, wie lange es dauern würde, bis alle Schulen deutschlandweit mit neuen Büchern versorgt wären, und wie viel diese Umstellung kostete. Es gab kein Verbot, es gab keine Beschlagnahmung, es gab nur eine Kiste mit einem Klebezettel und das Wort »Entsorgung«. Jürgen fragte sich, ob er der Einzige war, dem dieses Wort etwas bedeutete. Er sah sich um. Niemand beachtete die Kiste.
Den Unterricht der ersten Stunde hielt er in Klasse 10b. Zweiunddreißig Schüler saßen vor ihm, von denen manche noch müde waren, andere hingegen bereits gelangweilt. Keiner ahnte, dass der Mann vor ihnen sich fühlte, als beträte er eine Bühne, auf der er ein Stück spielen sollte, dessen Text er verachtete. Die meisten von ihnen trugen die neue Schuluniform. Sie wurde vom Staat bereitgestellt und kostete den Eltern nichts. Diejenigen, die sie noch nicht trugen, wurden immer mehr dazu gezwungen. Anfänglich über Druck auf die Eltern bis hin zu Strafzahlungen.
Jürgen öffnete den Ringordner und blickte auf die Seite, die er am Abend zuvor mit einem Lesezeichen markiert hatte. Thema: Die Nachkriegsordnung und ihre Folgen für Deutschland. Er kannte das Thema in und auswendig, er hatte es zwanzig Mal unterrichtet, vielleicht öfter, und jedes Mal hatte er mit den Nürnberger Prozessen begonnen, mit der Schuldfrage, mit den Bildern, die er den Schülern gezeigt hatte. Er hatte ihnen zeigen wollen, was Menschen anderen Menschen antun können, wenn die Regierung es erlaubte.
In den neuen Richtlinien kamen die Nürnberger Prozesse zwar noch vor, aber sie waren anders eingerahmt. »Die Nürnberger Prozesse«, stand dort, »sind im Kontext der alliierten Besatzungspolitik zu betrachten. Die Schüler sollen verstehen, dass die Prozesse sowohl juristische als auch politische Funktionen erfüllten und dass ihre Legitimation von verschiedenen Seiten unterschiedlich bewertet wurde und wird.«
Von verschiedenen Seiten unterschiedlich bewertet. Das war der Satz, der Jürgen nicht losließ. Es war ein Satz, der nichts Falsches sagte, und genau darin lag seine Gefährlichkeit. Natürlich wurden die Nürnberger Prozesse von verschiedenen Seiten bewertet. Aber wenn man es so formulierte, wenn man das Wort »Legitimation« daneben stellte und die Schüler aufforderte, »verschiedene Perspektiven« einzunehmen, dann öffnete man eine Tür, die geschlossen gehörte. Dann wurde aus einem historischen Meilenstein der internationalen Rechtsprechung plötzlich eine Debatte, und aus einer Debatte wurde eine Meinung, und aus einer Meinung wurde die Möglichkeit, dass es vielleicht auch anders gewesen sein könnte. Das stand zwar nicht in den Richtlinien, aber zwischen den Zeilen, und Jürgen konnte es lesen, weil er seit achtundzwanzig Jahren nichts anderes tat, als Texte zu lesen und zu verstehen.
»Wir sprechen heute über die Zeit nach 1945«, sagte er und hörte seine eigene Stimme, die ruhiger klang, als er sich fühlte. »Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands begann eine Phase, die unser Land grundlegend verändert hat.«
Er sprach über die Besatzungszonen, über die Potsdamer Konferenz, über die Entmilitarisierung und die Entnazifizierung. Er benutzte die Worte, die in den Richtlinien standen, und er ließ Begriffe weg, die nicht mehr darin standen. Er sprach nicht über die moralische Notwendigkeit der Entnazifizierung. Auch nicht über die Schuld, die eine gesamte Gesellschaft auf sich geladen hatte. Er sprach nicht über die Bilder, die er früher gezeigt hatte, die ausgemergelten Gesichter, die Leichenberge, die er seinen Schülern gezeigt hatte, um deren Emotionen zu berühren.
Stattdessen sagte er: »Die Entnazifizierung wurde von den Alliierten unterschiedlich gehandhabt. In der amerikanischen Zone war sie am strengsten, in der britischen und französischen Zone pragmatischer. Viele Historiker bewerten die Entnazifizierung heute kritisch, weil sie in der Praxis oft willkürlich verlief und viele ehemalige Parteimitglieder schnell wieder in Positionen kamen.«
Alles, was er sagte, war wahr. Doch alles, was er verschwieg, war noch zutreffender.
Florian, ein Schüler in der dritten Reihe mit auffälligen Haarlocken, hob die Hand. »Herr Bauer, stimmt es, dass die Nürnberger Prozesse eigentlich Siegerjustiz waren?«
Jürgen spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Der Junge stellte die Frage nicht aus Provokation, eher hatte er sie irgendwo gehört. Vielleicht zu Hause, vielleicht im Internet, möglicherweise in einem der neuen Materialien, die seit Wochen kursierten. Immerhin tat er genau das, was ein guter Schüler tun sollte. Er fragte.
»Das ist eine Frage, die man aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann«, hörte Jürgen sich sagen. Während er die Worte aussprach, hasste er sich dafür, weil sie exakt die Formulierung der Richtlinien waren. Dieses weiche, unverbindliche »verschiedene Perspektiven«, das alles erlaubte und nichts festlegte. Früher hätte er gesagt: Nein. Die Nürnberger Prozesse waren keine Siegerjustiz. Sie waren der erste Versuch der Menschheit, Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor einem internationalen Gericht zu verhandeln, und sie haben eine Rechtstradition begründet, die bis heute gilt. Doch das war noch vor den Sommerferien.
Der Junge nickte zufrieden und schrieb etwas in sein Heft. Jürgen wandte sich zur Tafel und schrieb ein Datum auf, das er für kurze Augenblicke nicht mehr sehen konnte, weil ihm für einen Moment die Augen brannten.
In der großen Pause saß Jürgen im Lehrerzimmer und rührte in seinem Kaffee. Tobias Hartwig sagte etwas zu Frau Kessler, das Jürgen nur halb mithörte. Es war etwas über die neuen Arbeitsblätter, die er am Wochenende erstellt hatte. Frau Kessler nickte und meinte, sie habe auch schon angefangen, ihre Materialien anzupassen, es sei ja letztlich nichts anderes als bei jeder Lehrplanreform, man müsse eben flexibel bleiben.
Tobias Hartwig war zweiunddreißig und seit drei Jahren an der Schule. Jürgen mochte ihn, oder hatte ihn gemocht, bevor er bemerkt hatte, mit welcher Leichtigkeit der junge Mann sich den neuen Gegebenheiten anpasste. Es war keine Bösartigkeit, das war ja das Verstörende daran. Hartwig war kein Opportunist, kein Karrierist, kein Überzeugungstäter. Er war ein junger Lehrer, der seinen Beruf ernst nahm, der seine Schüler mochte und der morgens um halb sieben aufstand, um Arbeitsblätter vorzubereiten, die den Richtlinien entsprachen. Weil die Richtlinien nun einmal die neuen Vorgaben waren. Er stellte keine Fragen, weil er vermutlich das ganze System nicht hinterfragte.
Jürgen beobachtete ihn, wie er sein Tablet aufklappte und Frau Kessler etwas zeigte. Er dachte an einen Satz, den er vor vielen Jahren in einem Buch über die Anfänge des Nationalsozialismus gelesen hatte. Er wusste nicht mehr, von wem er stammte, aber er hatte ihn nie vergessen: Die Gefährlichsten sind nicht die, die aus Überzeugung mitmachen, sondern die, die es tun, weil sie nicht verstehen, dass es etwas gibt, wobei man nicht mitmachen sollte.
Hartwig sah auf und lächelte ihm zu. »Herr Bauer, haben Sie die neuen Materialien zur Wirtschaftsgeschichte schon gesehen? Da ist einiges Brauchbares dabei.«
»Ich schaue es mir an«, sagte Jürgen.
»Man muss das Beste daraus machen«, sagte Hartwig und nickte, als würde er sich selbst bestätigen wollen. »Am Ende stehen wir vor den Schülern, und die brauchen uns, egal was im Lehrplan steht. Das ist doch das, worauf es ankommt.«
Jürgen sagte nichts. Er nippte an seinem kalten Kaffee und dachte daran, dass er diesen Satz schon einmal gehört hatte. Zwar nicht wörtlich, aber dem Sinn nach. Es war ein Zeitzeugenbericht einer Lehrerin aus Bremen gewesen, die 1934 beschlossen hatte, im Schuldienst zu bleiben, weil die Kinder sie brauchten, egal was im Lehrplan stand. Sie hatte diese Worte fünfzig Jahre später vor einer Kamera ausgesprochen. Die Lehrerin aus Bremen hatte geweint, als sie es sagte.
Als Jürgen aufstand, um in den nächsten Unterricht zu gehen, blieb sein Blick an der Kiste neben der Kaffeemaschine hängen. Alte Lehrwerke. Zur Entsorgung. Er zögerte einen Moment lang, dann ging er weiter.
An diesem Abend saßen Jürgen und Margret am Küchentisch. Der Fernseher im Wohnzimmer lief leise, weil Margret es nicht mochte, wenn es zu ruhig war. Sie hatte Kartoffelsuppe gekocht, die Jürgen langsam und ohne Hunger aß. Margret bemerkte es, weil sie nach fünfunddreißig Jahren Zusammenlebens alles an ihm bemerkte.
»Was ist los?«, fragte sie.
Frustriert legte er den Löffel ab. »Ich weiß nicht, ob ich das noch lange machen kann.«
Besorgt sah Margret ihn an. Es war keine Überraschung in ihren Augen zu sehen, sondern etwas, das aussah, als sei sie unendlich müde. Sie wusste, wovon er sprach.
»Du bist achtundfünfzig, Jürgen«, sagte sie. Es klang nicht vorwurfsvoll, sondern wie eine Erklärung. »In sieben Jahren gehst du in Rente. Wenn du jetzt kündigst, verlierst du alles. Die Pension, die Krankenversicherung, die Absicherung. Alles, wofür du dein ganzes Berufsleben gearbeitet hast.«
»Ich weiß.«
»Und was willst du dann machen? Wer stellt einen achtundfünfzigjährigen ehemaligen Lehrer ein, der gekündigt hat, weil ihm der Lehrplan nicht passt?«
»Ich weiß, Margret.«
»Und wenn du gekündigt wirst, ist es noch schlimmer. Dann hast du eine Akte. Dann bist du jemand, der Schwierigkeiten gemacht hat.«
Jürgen schwieg und sah auf seine Suppe. Margret hatte recht, das wusste er selbst. Die Wahrheit hatte zwei Seiten, und auf der einen Seite stand alles, was vernünftig war, auf der anderen alles, was richtig war, und beides zusammen passte nicht auf denselben Teller.
»Es geht nicht nur um den Lehrplan«, sagte er schließlich. »Ich stehe vor diesen Kindern und sage ihnen Dinge, die nicht wahr sind. Es ist zwar nicht direkt gelogen, aber so zurechtgebogen, dass die Wahrheit nicht mehr zu erkennen ist. Und das Schlimmste ist, sie merken es nicht. Sie schreiben es auf, als wäre es Stoff für die nächste Klausur, und in fünf Jahren werden sie glauben, es sei immer so gewesen. Margret, das ist wie in den 1930er Jahren. Es wiederholt sich.«
»Dann bieg es zurück«, sagte Margret. »Im Rahmen dessen, was möglich ist. Du bist doch kein Anfänger, du weißt, wie man zwischen den Zeilen unterrichtet.«
»Das habe ich heute versucht. Ich habe einen Schüler gehabt, der mich gefragt hat, ob die Nürnberger Prozesse Siegerjustiz waren. Und ich habe ihm geantwortet, man könne das aus verschiedenen Perspektiven sehen.«
Margret sagte nichts.
»Das bin nicht ich, Margret. Das bin ich nicht. Ich habe mein halbes Leben damit verbracht, Schülern beizubringen, dass es Dinge gibt, die man nicht relativieren darf. Und jetzt stehe ich da und relativiere sie selbst.«
Margret stand auf, räumte die Teller in die Spülmaschine und kam zurück. Sie setzte sich nun neben ihn und legte ihre Hand auf seine. So saßen sie eine Weile da, während der Fernseher im Wohnzimmer die Nachrichten brachte. Es waren keine Nachrichten wie zuvor, nun waren es zurechtgestutzte oder gar erfundene Meldungen.
»Versprich mir, dass du nichts Überstürztes tust«, sagte sie schließlich leise.
»Ich verspreche es.«
Ob es allerdings ein Versprechen war, das er halten konnte, wusste er nicht.
Später, als Margret im Bett lag, ging Jürgen in den Keller. Das Licht warf ein kaltes, gelbliches Licht auf die Regale mit den Einmachgläsern, den Kartons mit Weihnachtsschmuck und dem alten Fahrrad ihrer Tochter, die längst ausgezogen war.
Im Kofferraum seines Wagens stand die Kiste. Er hatte sie am Nachmittag mitgenommen, als im Lehrerzimmer niemand mehr gewesen war. Er hatte der Sekretärin gesagt, er kümmere sich darum. Sie hatte ohne aufzusehen genickt, weil eine Kiste alter Bücher vermutlich für niemanden von Bedeutung war.
Er trug die Kiste die Treppe hinunter und stellte sie auf den Betonboden. Dann öffnete er sie und nahm das erste Buch heraus. »Geschichte und Geschehen«, Klasse 9, die Ausgabe, die er seit fünfzehn Jahren benutzte. Er schlug es auf, blätterte und fand die Seite. Kapitel 7: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Darunter das Bild, das er kannte. Er hatte es Hunderten von Schülern gezeigt.
Es waren keine besonderen Bücher, keine seltenen Erstausgaben und ebenso keine historischen Dokumente. Es waren gewöhnliche Schulbücher, die ein bisschen abgegriffen waren, Bleistiftnotizen am Rand und Eselsohren an den Seiten, die Schüler irgendwann hinterlassen hatten. Es waren Bücher, die in jeder Schulbibliothek standen, in Tausenden von Exemplaren, in Hunderten von Schulen im ganzen Land.
Noch standen sie dort. Noch waren sie nicht verboten, noch nicht beschlagnahmt, noch nicht verbrannt. Aber Jürgen Bauer war Geschichtslehrer, und wenn ihn seine Arbeit eines gelehrt hatte, dann, dass das, was heute gewöhnlich war, morgen selten und übermorgen verschwunden sein konnte. Dass es langsam geht, so langsam, dass man es kaum bemerkt.
Die neuen Lehrwerke würden in einigen Wochen, eher aber in Monaten kommen. Sie würden andere Texte enthalten, andere Bilder, andere Fragen. Und die alten Bücher würden nach und nach verschwinden. Weniger durch einen großen Akt oder durch eine Anordnung mit Stempel und Unterschrift, sondern Kiste für Kiste, Schule für Schule, bis niemand mehr wusste, was einmal in einem deutschen Geschichtsbuch gestanden hatte.
Jürgen stellte die Bücher eines neben dem anderen ins Regal. Es waren zwölf Stück, drei Titel und vier Exemplare pro Titel. Es war kein Widerstand, was er tat. Es war keine heroische Geste, kein Akt der Rebellion. Er war nur ein Mann in einem Keller, der Bücher in ein Regal stellte, weil er an die Möglichkeit glaubte, dass jemand sie eines Tages wieder brauchen würde. Vielleicht war es sinnlos, vielleicht würden die Bücher hier stehen und verstauben und nie wieder geöffnet werden. Aber vielleicht auch nicht.
Er schaltete das Licht aus und ging die Treppe hinauf. In der Küche war es still, der Fernseher war aus, Margret schlief. Er setzte sich an den Küchentisch, faltete die Hände und dachte an morgen früh. An die erste Stunde, an die zweiunddreißig Gesichter, die ihn ansehen würden und von denen keines ahnte, was in ihm vorging.
Morgen früh würde er wieder vor seiner Klasse stehen. Was er dann sagen würde, wusste er allerdings noch nicht.
Auch nicht, was seine Zukunft betraf.